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Auf Schnitzeljagd durch den Norden - Teil 3 - Norwegen

  • Writer: louël
    louël
  • Dec 21, 2025
  • 14 min read

(Wer die AUDIOVERSION bevorzugt, findet diese am Ende des Blogposts) (...) der Winter nahte und wir hatten noch mindestens drei Ziele. Alle lagen sie in Norwegen: eine befreundete Freilernfamilie bei Hamar, eine Freundin bei Oslo, sowie Freunde in Vågå , nahe des Jotunheim Nationalparks. Somit verabschiedeten wir uns vorerst von Skattungbyn.

Auf nach Norwegen!

(...)

Dies waren die letzten Zeilen des vorherigen Blogposts unserer Trologie. "Auf Schnitzeljagd durch den Norden - Skattungbyn"

Norwegen. Nordweg, der Weg des Nordens, so wurde dieses Land einst getauft, weil sich Seefahrer an dessen Küste entlang orientieren konnten, um so weit in den Norden zu gelangen, wie damals nur möglich. Wer einmal auf eine Karte blickt erkennt, wie weit sich dieses Land am Atlantik entlang zieht. Beinahe die Hälfte des Landes befindet sich im Nordpolarkreis. Von Oslo, der Hauptstadt Norwegens, bis zur russischen Grenze im Norden ist es genau so weit, wie von Oslo nach Italien. Sogesehen befanden wir uns auf unserer gesamten Reise immer noch sehr weit im Süden. Dennoch, während wir in Skattungbyn bereits ein sehr nördliches Gefühl aufgrund der Taiga-Landschaft hatten, so bekamen wir es in den Bergen Norwegens erst recht; Zum einen aufgrund der rauhen Landschaft, aber auch wegen des starken Temperaturabfalls.


Unser erstes Ziel in Norwegen lag jedoch nahe der Stadt Hamar, am See Mjøsa, dessen Klima vergleichsweise mild ist. Dort tauchten wir wieder in den Freilernspirit ein. Wir besuchten eine Familie, welche wir bereits vor zwei Jahren kennen gelernt hatten. Spannenderweise hatten sich zwei der vier Kinder mittlerweile freiwillig dazu entschlossen in die Walldorfschule zu gehen. Diese Freiheit der Wahl erscheint uns als die beste Lösung: die Kinder können in die Schule, müssen aber nicht. Wobei, so einfach ist es nun auch wieder nicht: Seitdem die Kinder sich dazu entschlossen haben in die Schule zu gehen, sollten sie auch anwesend sein. Manchmal wollen sie aber nicht. Das macht es wiederum schwierig. Allgemein, so die Eltern, sei das Leben sehr viel herausfordernder, seitdem morgendliche Aufstehzeiten eingehalten werden, die Kinder zur Schule gebracht und abgeholt werden müssen. Dazu kommen Elternabende und allerlei gemeinsame Schulaktivitäten. Der Alltag sei viel voller. Anders wäre es vermutlich, wenn alle Kinder in die Schule gehen würden, dann gäbe es freie Zeiträume zwischendurch. Der Älteste aber wollte auf gar keinen Fall. Trotzdem wusste er bereits, dass er später studieren würde; und zwar Geologie. Es war spannend den Kindern bei all ihren Projekten zuzuschauen: alte Messer entrosten und schärfen, Steinschleudern bauen, Rampen für ihre Fahrräder bauen. Einer war ein begabter Geigen- und Klavierspieler. Ständig hörte man Vivaldi oder das Titelstück von Fluch der Karibik aus dem Haus tönen. Elouan fand hier weitere Spielgefährten. Auch wenn Hamar eine alternativere Szene, sowie eine sehr gute Walldorfschule bietet, konnten wir uns schlussendlich nicht vorstellen hier her zu ziehen, denn es war eine landwirtschaftlich und urban geprägte Landschaft und wir waren ja auf der Suche nach einem wilden Land. Dieses erhofften wir auf unserer nächsten Etappe zu finden; In den Bergen nahe des Jotunheim Nationalparks.


Jotunheim - Riesenheim Hier waren sie: die sagenumwobenen großen Berge Norwegens. Ein wenig erinnerten sie uns an die Alpen, denn auch hier waren die Seen und Flüsse türkisfarben. Die Berge allerdings waren langgezogen, statt hoch aufgerichtet. Die Wege sind meist wesentlich weniger steil und so kann es schon einmal überraschen, wenn man plötzlich an der Baumgrenze angelangt ist. Dann erstreckt sich vor einem eine weite, von Flechten und Beerenbüschen überzogene Landschaft.

Die traditionellen Blockhäuser mit ihren begrünten Dächern waren nirgends schöner als hier. In dem kleinen Städtchen Vågå besuchten wir unsere Freunde Forest und Miri mit ihrer Tochter Ronja. Bei unserem letzten Besuch war Ronja noch ein Baby. Ein schönes Wiedersehen. Bei ihnen konnten wir unseren Wohnwagen abstellen und uns in ihrer Küche, sowie dem Wohnzimmer wie zu Hause fühlen. Das war in diesen kalten Tagen eine wahre Wohltat.





In der Nachbarschaft lebten auch Marie, Manu und ihre Tocher Tora; die schweiz-deutsche Familie welche wir auf dem Lithica Gathering kennen gelernt hatten. Tatsächlich freundeten wir uns richtig gut an. Auch Elouan und Tora schienen gleich beste Freunde zu sein und so verbrachten wir einige Momente des gemeinsamen Kochens, Essens, Kartoffeln ernten, Fische fangen und Feuer machen. Ich war erstaunt, wie geschickt Elouan mit seinen viereinhalb Jahren bereits die Spule der Angelrute löst, auswirft, die Spule wieder schließt und den Haken einholt. Doch seine ersten zwei Forellen fing er mit einer weitaus primitiveren Methode; einfach eine Schnur mit Haken und Köder in die Strömung eines wilden Baches haltend.

Manu und ich legten einige Netze in einem Bergsee aus, um Forellen zu fangen. Es war inspirierend die weite Landschaft zu erleben, in welcher Manu und Marie mit ihrer Firma „Wilderness Vision“ Wildniskurse und -exkursionen, sowie Visionssuchen anbieten.



Am Fluss Sjoa verbrachten Lou, Elouan und ich ein paar schöne Familientage. Ein wilder Fluß, in einem wilden Tal, dessen Ufer von knorrigen Birken bewohnt wird. Hier kochten wir wieder über dem Feuer, sammelten Preiselbeeren und Wachholderbeeren und schliefen zur Abwechslung in unserem Baumwollzelt.




Die Gegend um den Jotunheim Nationalpark kam meiner einstigen Vorstellung des wilden Nordens sehr nahe, welche ich einst hatte, bevor ich desillusioniert wurde von der Realitätskeule der Kiefern- und Fichtenplantagen Schwedens und Norwegens. Hier fühlte es sich tatsächlich wild an. Und klar. Und weit. Und still.

Ein Traum flackerte auf: eine Blockhütte unser Zuhause nennen, in Mitten dieser wunderschönen Natur. Mit ein paar netten Nachbarn, mit welchen wir Arbeit, aber auch Feste und Kinderbetreuung teilen.



Wir erkannten: eine Schule, mindestens so wie in Molkom, eine soziale Struktur wie beispielsweise in Skattungbyn, eine Landschaft vergleichbar der Jotunheims und gleichgesinnte Freunde wie Marie und Manu; dies wäre der richtige Ort für uns. Doch diesen Ort scheint es nicht zu geben.

„Sind wir zu wählerisch?“ Diese Frage beschäftigt uns immer wieder. Dabei haben wir unsere großen Visionen und Träume bereits wesentlich verkleinert. Oder wissen wir einfach was wir wollen, und die Realität ist nur nicht so weit? Fehlt es ganz einfach am Geld? Oder an einer inneren Bereitschaft? Gilt es das zu erschaffen, was wir uns erträumen? Egal wo? Aber überall ist dies gar nicht möglich.

Und schlussendlich bleibt eine Entscheidung offen, angesichts der Realiät wie sie jetzt ist, und nicht nur, wie sie sein könnte. Doch wie diese treffen?

Vermutlich gilt es als Vater nach der besten Schule oder dem besten sozialen Netzwerk für Elouan zu entscheiden. Manchmal erscheint es mir auch, als müssten wir uns einfach für etwas entscheiden. Egal was. Kompromisse müssen wir eh eingehen. Und dann das Beste drauß machen und unsere Visionen fürs Leben im Kleinen in die Welt zu tragen. Besser, als ewig weiter zu suchen. Sowieso immer wieder die Frage, was denn all das Suchen soll. Es führt uns eigentlich weit weg von dem was wir wollten: naturnah leben und unserem Sohn eine artgerechte Kindheit ermöglichen. Stundenlange Autofahrten und ständiger sozialer Wechsel gehören da eigentlich nicht dazu. Dass Elouan immer mehr heranwächst und soziale Kontakte braucht, sowie die Schulfrage, macht es nicht einfacher. Ein Druck, der der Suche die Leichtigkeit nimmt. Eine Veränderung steht an, ganz klar.



Die Natur schenkte mir Zeichen, welche auf ihre verwunschene, klare und gleichzeitig undeutliche Weise die Veränderung bestätigte: Zwei mal sind mir 9 Raben begegnet. Die 9 steht in der Nummerologie für einen Abschluss, dafür, dass etwas zu Ende geht und/oder Erfüllung findet. Der Rabe selbst hat so viele Bedeutungen und Kräfte, dass er mir genau so gut Licht, wie Schatten deuten kann. Da bin ich so blind wie in dem Wissen, welche der vielen Zukunftsmöglichkeiten die Richtige für uns ist. Fest steht: eine Veränderung steht bevor.

Ein zehnter Rabe begegnete mir. Ein Einzelner. Ich stand im Wald. Plötzlich ein Krächzen und der hohe Schrei eines Raubvogels, direkt über mir. Ein weiß-schwarzes Knäuel fliegt über mich hinweg und landet keine zehn Meter von mir entfernt hinter einer kleinen Anhöhe.

Ein Kampf um Leben und Tod. Ich kann ihn nur hören, nicht sehen. Ab und zu hebt sich ein Flügel empor. Lautes Geschrei. Wie zwei Drachen kämpft schwarz gegen weiß. Ich frage mich, ob ich eingreifen soll, doch glaube ich zu wissen, dass nur geschieht, was geschehen muss. Schließlich Stille.

Kurz darauf fliegt der weiße Vogel fort. Doch so schnell ist er zwischen den Bäumen verschwunden, dass ich nicht sagen kann, was es für einer war. Ein Falke? Dafür schien mir der Vogel zu groß. Ein Bussard? Doch das Gefieder war mehr weiß als braun. Vielleicht eine Kornweihe? Eule schießt es mir durch den Kopf. Eine Schneeeule? So weit südlich? Es bleibt ein Mysterium.

Als ich zu der Stelle des Kampfes trete liegt dort jedenfalls ein riesiger Rabe auf dem grünen Moos, die Flügel von sich gestreckt. Ich setze mich zu ihm, blicke ihm in die offenen Augen. Ich bin mir nicht sicher, ob er noch atmet, ich meine ein leichtes Heben und Senken seines Körpers zu erkennen. Sein schwarzes Gefieder glänzt von lila und grüntönen durchzogen im Sonnenlicht. Beinahe golden. Trauer umgibt mich. Solch ein schöner Rabe. Wieso musste er sterben? Unverständnis und Wut auf den weißen Vogel. Abneigung gegen diese Aggression. Hätte ich doch eingreifen sollen? Eine Entscheidung der Aktion treffen sollen, statt untätig abzuwarten? Ist dies die Lehre dieser Begegnung? Oder hat das Gute – das Weiße – gegen das Böse – das Schwarze – gesiegt? Gibt es etwas in mir, was sterben muss oder wird, woran ich hänge, das ich liebe, obwohl es „böse“ ist; mir schadet?

Während ich darüber nachdenke schließt der Rabe die Augen. Mir scheint fast, als würde er nun weniger glänzen, als noch vor wenigen Minuten. Eine Weile rätsel ich über eine eventuelle Bedeutung dieser Begegnung. War es Zufall, oder steckte eine Botschaft dahinter? Manchmal sind die Botschaften der Natur klar wie ein Bergsee, zeigen uns so deutlich den Weg, wie ein Pfeil der die Zielscheibe in der Mitte trifft. Doch oftmals sind die Botschaften so verworren und unklar wie unser eigener Geist.



Unser Geist jedenfalls war und ist vernebelt von all den Informationen, welche wir in den letzten Monaten gesammelt hatten.

Einmal, nahe Jotunheims, kam ein ziemlich klares Gefühl auf; an einem alten Gehöft stiegen wir aus dem Auto aus und wurden von einem Frieden umschlungen. Stille umgab uns, nur ein paar Raben krächzten uns zur Begrüßung zu. „Hier möchte ich sein!“, vibrierten meine Zellen. Doch der Hof war geschlossen. Die Bewohner nicht Zuhause. Wenig später erfuhren wir, dass der Hof Glittersjå, samt Touristenbetrieb, tatsächlich verkauft wurde. Allerdings für etwa 3 Millionen Euro.... An irgendetwas scheitert die klare Entscheidung immer.



Eine Veränderung steht bevor. Jetzt gleich oder erst in ein paar Wochen oder Monaten? Wir überlegten zu bleiben. In Norwegen, in Vågå. Wir schauten uns verschieden Objekte zum Verkauf an. Es war teurer als in Schweden, aber im Vergleich zur Schweiz oder zu Deutschland war es immer noch günstig. Und es gab wirklich tolle Häuser: zum Beispiel ein wunderschönes großes Blockhaus, mit Scheune und kleineren Hütten, dazu ein großes Land für unter 500.000 Euro. Doch wir hatten nicht das Geld. Sollten wir ein Haus, oder eine Wohnung in der Nähe unserer Freunde mieten? Es gibt dort verschieden Blockhausbaufirmen wo ich arbeiten könnte. Elouan würde in einen Kindergarten gehen, in welchem sie unter anderem Ziegen und Hühner hatten. Die Vorstellung ein relativ normales Leben zu führen, und dafür von solch einer Landschaft beschenkt zu werden, löste zweierlei Dinge in mir aus: Zum einen eine Entspanntheit. Denn eine Entscheidung wäre gefällt worden. Das Suchen wäre vorerst zu Ende. Außerdem würde es eine klare Struktur und finanzielle Stabilität in unser Leben bringen. Zum anderen jedoch würde es sich anfühlen wie der Tod dessen, wofür ich und wir die letzten Jahre gegangen sind. Freiheit, naturverbundenheit im Alltag und vor allem unsere Gemeinschaftsvision.

Ist es vielleicht das, was sterben muss? Die Vision Teil davon zu sein in einer Gemeinschaft, einem Ökodorf, ein anderes, naturverbundeneres, Menschsein zu kreiren?



Mir wurde bewusst, wie viel Fokus diese Vision in den letzten Jahren bekommen hat, und wie weit wir davon entfernt zu sein scheinen, sie wirklich zu leben. Als wir der Gemeinschaft in Italien beitraten, fühlte es sich zu Beginn wie ein Ankommen an. Wie eine überraschende Erfüllung unserer Suche. Doch es zeigte uns um so deutlicher, welche Aufgabe es bedeutete, die Strukturen und Muster unseres modernen Menschseins zu verändern. Manchmal sehnte ich mich auf unserer Nordreise zurück. In eine Gemeinschaft, eingebettet in der Natur. Der Wald als der Lernraum für Elouan und andere Kinder. Dann plagten mich wieder nächtelang Alpträume, in welchen unsere Gemeinschaftserfahrung in Italien ein große Rolle spielte. Oder ich lag stundenlang wach und grübelte über unser Leben nach. So konnte es nicht weiter gehen! Was nützt uns unsere äußere Freiheit, wenn sie uns unserer inneren Freiheit beraubt? Wem oder was dient es, Teil einer Gemeinschaft zu sein, wenn die Beziehungskonflikte toxisch werden? Ich stand kurz davor mich dafür zu entscheiden, dass wir ein Haus mieten und ich in einer Blockhausbaufirma arbeiten würde. Die Arbeit würde mir sicherlich eine Weile Spaß machen.

Doch zum einen fühlte es sich doch etwas zu krass an, in den Winter hinein zu starten, und zum anderen hatten wir unsere Sachen noch in Italien und es war ausgemacht, dass wir wieder kommen und uns um diese Dinge kümmern würden. Auch fanden wir keine wirkliche Klarheit, ob das nun das Leben wäre, was uns dienlich ist. Ein paar Freunde hätten wir hier, aber im vergleich zu Skattungbyn oder Molkom wäre das soziele Feld sehr klein, denn hier gab es kein alternatives Leben. Und auch wenn Heimunterricht möglich wäre, ohne dass dies Teil einer Gemeinschaft mit weiteren Kindern wäre, scheint es uns nicht sinnvoll. Können wir uns eine reguläre Schule für Elouan vorstellen? Eine große Entscheidung.

Schließlich entschlossen wir uns dazu all die Eindrücke erst einmal sacken zu lassen. Daraufhin entstand überraschend schnell ein ziemlich klarer Plan: über den Winter wieder in den Süden fahren, auf dem Weihnachtsmarkt in Zürich arbeiten, dann wieder nach Italien, zum einen um uns um unsere Sachen dort zu kümmern, zum anderen um den Kreis unserer Reise zu schließen. Und von dort aus mit frischer Energie auf alles zu blicken, um eine konkrete Entscheidung zu treffen.

Auch wenn unsere negative Gemeinschaftserfahrung in Italien einen großen Schatten auf den Plan wirft, wieder an den selben Berg zurück zu kehren, gibt es doch auch Freude in der Vorstellung wieder mit unseren Freunden dort zusammen zu kommen.

Somit zeigte unser Reisekompass also wieder gen Süden!


Doch bevor wir die Rückreise starteten, blieben wir erneut ein paar Tage am wunderschönen Fluß Sjoa. Dort ging es uns noch einmal richtig gut. Stille. Rauschen. Sonne. Sterne. Wir angelten (leider ohne Erfolg), kochten über dem Feuer und ließen uns von der wunderschönen Herbstnatur inspirieren.



Ja, nach vielen Tagen des Regens schien nun endlich wieder richtig die Sonne. Es war Ende September, und innerhalb weniger Tage verloren die meisten Birken ihre goldleuchtenden Blättern. In den Nächten gab es Frost. Beinahe winterklare Luft umgab uns. Irgendwie tat das gut und war wunderschön. Eine Vorfreude auf den Nordwinter umgab uns, welcher unseren Plan der Südreise in Frage stellte. Doch wir blieben dabei, und genossen den Augenblick.




Am schönsten waren die Sterne. Lange ist es her, dass wir die Milchstraße so deutlich sehen durften. Falls wir sie überhaupt je zuvor so prachtvoll bestaunen konnten. Glück und Trauer erfüllte uns zugleich. Das Glück dies als Teil des Erdenlebens zu erfahren. Dazu das Wissen und ebenso das Unwissen, welches einem bewusst wird, wenn man in die Weite der unzähligen Sterne blickt. Sowie eine Trauer darüber, dass die meisten Menschen sich gar nicht bewusst sind, welchen Schatz wir durch die stetig weiter wachsende Lichtverschmutzung verlieren und welche Einsamkeit wir uns damit im großen weiten All kreiren.




Schließlich fuhren wir über eine atemberaubende Bergstraße weiter Richtung Süden. Selten haben wir so viel Weite erlebt, wie in den Bergen Jotunheims. Die Fahrt hat dreifach so lange gedauert, weil wir ständig anhalten mussten um die Schönheit der Landschft zu bestaunen.





Wieder statteten wir unseren Freunden bei Hamar, der Freilernfamilie, einen Besuch ab. Ich bekam einen Bauauftrag, was uns sehr gelegen kam, denn so konnten wir unser Reisebudget wieder auffrischen. Wir gönnten uns daraufhin einen Restaurantbesuch und schöne dicke Wollsocken.

Auch besuchten wir unsere Freundin Sil und ihre Tochter Gaia bei Oslo. Das war ein wirklich schönes und herzverbundenes Wiedersehen. Mit ihnen erlebten wir sogar einen kulturellen Stadttag. Wir bestaunten die Fresken des Mausoleums von Emanuel Vigeland, sowie die Bildhauerei seines Bruders Gustav Vigeland. So spannend es war in die Kunstkultur Oslos einzutauchen, so überraschend krass und überfordernd war es nach so vielen Monaten Wildnisleben uns in Bussen, Straßen- und U-Bahnen durch die Stadt zu bewegen. Dafür war die Bootsüberfahrt nach Oslo hinein und hinaus wie ein Portal ins Gewusel und wieder zurück. Dass Norwegen ein reiches Land ist und alternative Szenen nur in Oasen existieren, wurde hier deutlich spürbar. Der Ort, in welchem Sil wohnt, wird "Hippie Town" genannt. Wenn man jedoch an den gut gepflegten Vorgärten entlang läuft, sieht man bei jedem zweiten Haus einen Tesla auf dem Vorhof stehen...




Auf unserem weiteren Weg gen Süden lagen auch Skattungbyn und Molkom wieder auf der Route, denn wir wollten in beide Orte noch einmal hineinspüren. Es ergaben sich erneute schöne Bekanntschaften und eventuelle Möglichkeiten für die Zukunft. So trafen wir beispielsweise eine Frau, welche auch auf dem Lithica Gathering gewesen ist. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und hatten einen sehr lebendigen Austausch über unsere Vorstellungen von Auswilderungsprojekten und Gemeinschaft. Die Idee mit ihr in einer nachbarschaftlichen Wildnisgemeinschaft zu leben fühlte sich schön an. Vor allem auch, weil sie uns in unseren Herausforderungen als Eltern sehen konnte. Neben dem "Lithica"-Netzwerk offenbarten sich auch über das "Wild Moon"-Netzwerk konkrete Ideen und Visionen bezüglich eines ähnlichen Projektes. Doch alles war bisher nur Zukunftsmusik und weder Land, Leute noch Finanzen waren völlig geklärt. Unsere neuen Freunde halten jedenfalls Augen und Ohren für uns offen. Wer weiß, was sich ergeben wird. Wer weiß wofür wir uns entscheiden werden.


Und um die Wahl noch etwas zu erschweren, besuchten wir zum Schluß unserer Reise das Earthbound Ecovillage im Süden Smålands. Große Eichen und Buchen hießen uns hier willkommen, sowie eine handvoll lieber Menschen. Earthbound ist eine sehr junge Gemeinschaft, welche einen Gutshof mit 70 Hektar Land bewohnen. Ihre Vision ist es eine regenerative Gemeinschaft zu bilden, welche eng verbunden und in Kommunikation mit dem Land lebt. Leider hatte die Gemeinschaft bei unserer Ankunft gerade eine intensive Gemeinschaftswoche hinter sich, sodass die Mitglieder alle etwas müde und introvertierter waren, als es wohl zu einem anderen Zeitpunkt gewesen wäre. Die Initiatoren des Projektes waren nicht anwesend. Dennoch bekamen wir einen ausführlichen Einblick und einiges sprach uns sehr an. So gibt es hier Visionen von Selbstversorgung, eigener freien Schule und einem Geburtstempel. Erleichternd durften wir feststellen, dass diese Gemeinschaft ganz anders aufgebaut ist als Terra Amica, die Gemeinschaft in Italien. So ist Earthbound sehr darauf bedacht Hierarchien von vorneherein zu brechen und eine Gleichberechtigung zu schaffen. Earthbound ist offiziell eine Firma und wer Mitglied wird, kauft sich einen Anteil an dieser Firma. Mehr als einen Anteil kann man dabei gar nicht kaufen. Ein Austritt ist jederzeit möglich, wodurch man seinen Anteil ganz einfach wieder ausgezahlt bekommt. Noch steht Earthbound in den Kinderschuhen, doch das Fundament scheint sehr solide und gut durchdacht erbaut. Bald soll hier ein Biogarten und -laden entstehen, Blockhäuser sollen als Wohnraum errichtet werden, und in einer großen Scheune soll Kulturraum, sowie Räume für kreative und nachhaltige Firmen entstehen.



Knapp eine Woche verbachten wir auf dem Land von Earthbound, doch eigentlich war dies viel zu kurz. Tatsächlich kam uns jeder unserer Aufenthalte an den verschiedenen Orten unserer Reise zu kurz vor. Denn um einen Ort, die Menschen und das Leben dort wirklich kennen zu lernen, muss man mindestens mehrere Wochen, wenn nicht gar Monate bleiben. Der Umstand, dass wir erst Ende Juli den Norden erreichten, hat unsere Zeit an den jeweiligen Orten verkürzt. So wirklich tief konnten wir kaum eintauchen, doch wir haben jede Menge Impressionen und Perspektiven sammeln können. Dabei waren wir immer verwirrter, was denn nun unsere Priorität sei, was in unserem Lebensabschnitt das richtige sei. Und was überhaupt. Einst waren wir ausgezogen, um ein wildes Land und gleichgesinnte Menschen zu finden, um mit ihnen ein wilderes, freieres und (natur)verbundeneres Leben zu führen. Für uns selbst, aber auch, um der Welt zu zeigen, wie mensch- und naturgerechtes Leben geht. Mittlerweile geht es uns vor allem darum, ein zu uns einigermaßen passendes Zuhause zu finden und eine stabile Basis aufzubauen. Ein sicheres Nest, in welchem die Familie wachsen darf. Einen Bau. Ein Zuhause.

Es war ziemlich ernüchternd am Ende unserer Reise festzustellen, dass es nirgendwo ein klares JA gegeben hatte. Wir haben uns umgeschaut. Wirklich viel umgeschaut. Aber das, wonach wir gesucht haben, hat sich uns nicht klar offenbart. Was bedeutete dies? Dass unser Zuhause doch woanders ist? Oder dass es dieses klare Ja einfach nicht geben wird und wir eine rationale Entscheidung, oder eine „Auf gut Glück Entscheidung“ treffen müssen? Dass etwas ganz anderes auf uns wartet? Oder galt es jetzt erst einmal unsere Ressourcen zu sammeln, Geld zu verdienen und im neuen Jahr gestärkt die Sache anzugehen?



Es war Anfang November. Samhein. Die Natur bereitet sich auf den Winter vor. Tiere nisten sich in ihren Höhlen ein. Andere reisen in den Süden, wir mit ihnen. Seit einiger Zeit begleitet uns gelbleuchtendes Birkenlaub, welches sich bald von den Freuden des Lebens verabschieden wird. Ein neuer Zyklus stand bevor. Für uns bedeutete dies: Zurück nach Deutschland, dann in die Schweiz um auf dem Weihnachtsmarkt zu arbeiten.

Auf der Fähre blicken wir zurück in den Norden. Erinnerungen an die Berge Jotunheims, an die Seen des Värmlands, an die weiten Wälder Dalarnas und an die liebliche Landschaft Smålands ziehen in uns vorüber. Neue Freundschaften leben in unseren Herzen. Ein Teil von uns möchte dort bleiben. Ein Teil ist verwirrt. Ein weiterer Teil wundert sich über das, was kommen mag.




Wir blicken zurück und fragen uns: „Norden, bist du unser Glück? Oder bleibt in uns nur die Erinnerung zurück?“



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